676 Menschen kamen ums Leben - ein ganzes Dorf wurde zerstört

21 Jahre nach der Tragödie des Río Blanco: Die Wunde, die Jimaní nie verließ

Lesedauer: 3 Min.

Am 24. Mai 2004 veränderte eine einzige Nacht das Leben in Jimaní für immer. Inmitten der Regenzeit, in einem Viertel namens La 40 – gebaut in unmittelbarer Nähe zum Fluss Blanco oder Soliette, der fast ein Jahrhundert lang keine Überschwemmung ausgelöst hatte – wurde ein ganzes Viertel von den Wassermassen ausgelöscht. Rund 400 bis 500 Menschen verloren ihr Leben, die genaue Zahl blieb nie bekannt. Bis heute wurde dort nie wieder gebaut.

Marian, im dritten Schwangerschaftstrimester, legte sich wie jeden Sonntag schlafen – und wachte nie wieder auf. Ovidio Dotel, ihr Vater, erzählt von den verzweifelten Tagen der Suche, von der Tochter, die nie gefunden wurde, und vom Schwiegersohn, den der Fluss zwei Tage später lebend auf Trümmern zurückließ. „Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so viele Tote gesehen habe“, sagt er. „Sie haben die Leichen mit Baggern auf Lastwagen geworfen und dann in ein Massengrab gebracht.“

© listindiario.com

Diese Massengräber befinden sich entlang der Straße zwischen Jimaní und Boca de Cachón. Niemand spricht darüber. Doch viele tragen die Erinnerung tief in sich – wie Eladia Santana, die an diesem Morgen nur knapp mit dem Leben davonkam. „Ich habe alles verloren – mein Haus, meinen Laden“, sagt die heute über 70-Jährige. „Ich will nicht mehr daran denken.“

Auch Laureano Santana, damals Helfer und heute Bürgermeister von Jimaní, erinnert sich mit Tränen in den Augen an die dunkle, laute Nacht voller Schreie. Bereits um 5:30 Uhr morgens fand er mit seinem Bruder die erste Leiche – eine Frau, die von der Strömung in einen Baum geschleudert wurde. „Überall lagen Leichen, wie Holzscheite gestapelt“, erzählt er.

© listindiario.com

Bilanz der Katastrophe:

  • 394 bestätigte Tote
  • 278 Vermisste
  • 903 betroffene Häuser
    • 620 vollständig zerstört
    • 212 als Ruinen klassifiziert
    • 71 teilweise beschädigt
    • 35 mit Schlamm und Trümmern bedeckt

Die Hilfe kam langsam, was die Not der Überlebenden weiter verschärfte. Zur Zeit der Katastrophe war ein Regierungswechsel im Gange: Präsident Hipólito Mejía übergab an Leonel Fernández, der internationale Unterstützung suchte. Unter anderem bei der ALCUE-Gipfelkonferenz in Guadalajara, Mexiko.

Heute erinnert ein Denkmal an der Avenida 27 de Febrero – aus Gips und Zement, weiß gestrichen – an jene, die nie wieder nach Hause zurückkehrten. Viele der Überlebenden fanden ein neues Zuhause in „Villa Solidaridad“, wo Eladia ihren neuen Laden „Colmado Sobreviviente“ eröffnete.

La 40 – ein Ort der Erinnerung

Das ehemalige Viertel La 40 bleibt bis heute unbewohnt. Statt Häusern wächst Gestrüpp, Reste von Fundamenten zeugen von dem, was einst war. Die Angst vor einer Wiederholung sitzt tief. Bürgermeister Santana fordert Maßnahmen zur Umlenkung des Flusses, obwohl umweltrechtliche Auflagen dies erschweren.

Die Tragödie des Río Blanco hat tiefe Spuren hinterlassen – nicht nur in der Landschaft, sondern vor allem in den Herzen der Menschen von Jimaní. Und auch 21 Jahre später bleibt die Mahnung bestehen: Naturkatastrophen sind nie Vergangenheit, solange aus ihnen nicht gelernt wurde.