Zwei Monate sind vergangen, seit die Katastrophe in der Diskothek Jet Set das Leben Hunderter für immer veränderte. Seit jener Nacht am 8. April, als ein gewöhnlicher Montagstanz in Santo Domingo zu einem nationalen Albtraum wurde, haben Begriffe wie Trauer, Verzweiflung und Wut viele Formen angenommen.
Der Abend, der nie endete
Was als fröhliche Veranstaltung begann, bei der Merengue-Star Rubby Pérez sang, endete im Desaster: Das Dach der Diskothek stürzte plötzlich ein. 236 Menschen verloren ihr Leben, 186 wurden verletzt – viele von ihnen schwer, einige für immer gezeichnet.
Ein Anruf, der den Präsidenten erreichte
Um 00:44 Uhr ging der erste Notruf bei der Notrufzentrale 9-1-1 ein. Über 100 Anrufe sollten folgen. Selbst Präsident Luis Abinader wurde durch einen dramatischen Anruf der Gouverneurin von Montecristi, Nelsy Cruz, erreicht – sie befand sich zu diesem Zeitpunkt unter den Trümmern. Wenige Stunden später erlag sie ihren Verletzungen. Rubby Pérez starb noch am Unglücksort.
Zelte der Verzweiflung
Noch in der Nacht errichteten die Behörden Zelte vor dem Nachtclub – als provisorische Kommandozentralen, Notaufnahmestellen und Anlaufpunkte für Angehörige. Erste offizielle Zahlen sprachen von 13 Toten – eine dramatische Fehleinschätzung. Später wurden 221 Leichen aus dem Inneren der Diskothek geborgen, viele von ihnen starben sofort, in sitzender Haltung.
Die Herausforderung für die Forensik
Pathologen standen vor einer der größten Herausforderungen in der Geschichte der Dominikanischen Republik. Statt der üblichen fünf Autopsien am Tag mussten sie plötzlich Hunderte durchführen. Präsident Abinader kündigte daraufhin im Mai Verbesserungen im forensischen System an und ehrte 71 beteiligte Mediziner.
Verlorene Träume
Zu den Opfern gehörten ein junges frisch verheiratetes Paar, die 19-jährige Studentin Lía Gómez, die Schwestern Patricia und Yessica Acosta López sowie der Ingenieur Christian Tejeda von der Stadtverwaltung. In jedem Namen steckt eine Geschichte, ein geplatzter Traum.
Ein nationaler Trauertag wurde zunächst vom 8. bis 10. April ausgerufen – später bis zum 13. April verlängert. Die Flagge wehte auf halbmast. Die Trauer hält an.
Internationale Hilfe, kollektive Erschöpfung
189 Überlebende wurden in acht öffentlichen und vier privaten Krankenhäusern behandelt, 74 Rettungswagen waren im Einsatz. Auch Rettungskräfte aus Puerto Rico, Mexiko und Israel wurden hinzugezogen.
Der Direktor des Zivilschutzes, Juan Manuel Méndez, zeigte sich erschüttert: „Wir fühlten uns hilflos, wenn wir sahen, wie Angehörige nach Vermissten fragten.“
Die Suche nach der Ursache
Eine Kommission des Instituts für seismische Bewertung und Infrastrukturvulnerabilität (Onesvie) untersucht nun die strukturellen Ursachen. Man prüft die Qualität der Baumaterialien und analysiert Trümmer, die teilweise über 160 Kilometer weit entfernt in die Provinz Santiago gebracht wurden – ohne klare Erklärung. Die Untersuchungen sollen bis Juli 2025 abgeschlossen sein, ein erster Zwischenbericht wird für den 8. Juni erwartet.
Wachsende Forderung nach Gerechtigkeit
Seit dem Unglück wurden 65 rechtliche Schritte eingeleitet – darunter 22 Strafanzeigen und 43 weitere Beschwerden. Die Hauptangeklagten: Antonio Espaillat López, Ana Grecia López und ihre Firma Inversiones E y L, S.R.L.
Espaillat López äußerte sich in einem Interview mit der Journalistin Edith Febles:
„Ich trage einen tiefen Schmerz in mir. Ich hätte mir nie gewünscht, dass so etwas passiert. Ich will selbst wissen, was geschehen ist. Seitdem habe ich kein Leben mehr.“
Auch der dominikanische Staat und die Stadtverwaltung stehen in der Kritik – wegen angeblicher Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflichten über öffentliche Gebäude.
Die psychologischen Folgen
Laut einer Studie der PUCMM leiden 27,9 % der befragten Personen seit dem Einsturz unter depressiven Symptomen.
Besonders tragisch: Der Tod des Baseballspielers Tony Blanco, der in Japan Karriere machte und fünf Kinder hinterlässt – das jüngste nur wenige Monate alt. Es wird seinen Vater nur von Fotos kennen. Wie dieses Kind gibt es viele, die mit Lücken aufwachsen, die niemand mehr schließen kann.
Die Erinnerung an diese Nacht bleibt – als Mahnung und als Ruf nach Gerechtigkeit.
