Trotz der Lage an einer aktiven Plattengrenze zwischen der Karibischen und der Nordamerikanischen Platte und trotz historischer Aufzeichnungen zerstörerischer Beben herrscht im Land weiterhin ein Mangel an Vorbereitung und Bewusstsein für Erdbebenrisiken. Darauf weist der Generaldirektor des Nationalen Amtes für seismische Bewertung und Verwundbarkeit von Infrastrukturen und Gebäuden (Onesvie), Ingenieur Leonardo Reyes Madera, hin und betont die Notwendigkeit verstärkter Präventions- und Sensibilisierungsmaßnahmen.
Bei einem Gespräch im Rahmen des Desayuno de Listín Diario erklärte Reyes Madera, dass die Mission seiner Institution die Prävention sei, wofür sowohl Erfahrung als auch geschultes Fachpersonal zur Verfügung stehen.
Gegründet im Jahr 2001 per Dekret 715-01, hat Onesvie die Aufgabe, Bauwerke und Infrastrukturen zu überprüfen, um Risiken im Falle von Erdbeben zu mindern. Vorrangig untersucht wurden Gebäude mit einem Alter von mehr als 50 Jahren, darunter Einrichtungen des Bildungs- und Gesundheitssystems, später kamen Straßeninfrastrukturen wie Brücken, Tunnel, Fußgängerüberwege und Unterführungen hinzu.
Seit 2020 führte die Behörde 800 visuelle Bewertungen und 40 detaillierte Untersuchungen durch, die Aufschluss darüber geben, welchen Schaden ein Gebäude bei einem Beben erleiden könnte. Doch die Empfehlungen würden von den betroffenen Institutionen in den meisten Fällen ignoriert, erklärte Reyes Madera.
Mangelndes Bewusstsein
Der Ingenieur warnte, dass die Gesellschaft die Gefahr verdränge, obwohl das Risiko weitaus höher sei als allgemein angenommen. „Unser erstes Hindernis ist die Vorstellung: Weil hier nicht ständig die Erde bebt, glauben wir, es werde auch in Zukunft nicht geschehen.“
Das letzte große Erdbeben in der Dominikanischen Republik ereignete sich am 4. August 1946 mit einer Stärke von 8,1 auf der Richterskala. „Wir müssen nicht mit Blut, Schweiß und Tränen bezahlen, um vorzubeugen“, betonte er. Man könne von Ländern wie Japan und Chile lernen, um ein moderneres System aufzubauen, das Schäden minimiert.
Als Beispiel führte er den Einsturz des Jet-Set-Gebäudes an: Dort war 100 % der nationalen Rettungskapazität gebunden, um innerhalb von 72 Stunden alle Opfer zu bergen. „Wir haben keine ausreichende Kapazität, um auf ein Erdbeben zu reagieren – kein Land der Welt hat sie vollständig –, deshalb ist Prävention entscheidend.“
Reyes Madera schlug vor, gesetzlich festzuschreiben, dass jede staatliche Institution einen festen Prozentsatz ihres Budgets für die Überprüfung und Verstärkung öffentlicher Gebäude bereitstellt. „Sonst bleibt die Prävention nur ein schönes Wort ohne Taten“, mahnte er.
Lehren aus Katastrophen
Zur Verdeutlichung erinnerte er an das Erdbeben in Haiti 2010, das auch im Süden der Dominikanischen Republik schwere Schäden verursachte und zum Abriss vieler Gebäude führte. Im Vergleich dazu habe Chile im selben Jahr ein stärkeres Beben plus Tsunami erlebt – die Folgen jedoch besser bewältigt, dank Prävention und Vorbereitung.
Besonders kritisch wäre ein Tsunami nach einem Beben der Stärke 7,5: Wellen von 15 bis 20 Metern könnten binnen Minuten Teile von Santo Domingo überfluten, darunter das Kinderkrankenhaus Robert Reid Cabral, das Polizeikrankenhaus und das Außenministerium (MIREX). Am stärksten gefährdet wären die Flussmündungen von Haina und Ozama, die keine natürlichen Schutzbarrieren aufweisen.
Erstes nationales Strukturlabor
Um besser vorbereitet zu sein, kündigte Reyes Madera die Errichtung des ersten Nationalen Strukturlabors in Santiago an, auf dem Campus der PUCMM-Universität. Dort sollen künftig Bauelemente in Originalgröße getestet werden. Unterstützt wird das Projekt von der Japanischen Agentur für Internationale Zusammenarbeit (JICA), die für Ausstattung und Ausbildung sorgt.
Die Eröffnung ist für kommendes Jahr geplant. Damit erhält die dominikanische Ingenieurwissenschaft erstmals eine eigene Forschungsbasis, um erdbebensicheres Bauen im nationalen Kontext zu entwickeln, ohne ausschließlich auf internationale Normen zurückgreifen zu müssen.
