Der Weltumwelttag bietet erneut Anlass zur Reflexion – über Probleme, Mahnungen, Analysen und Versprechen, die das ganze Jahr über wiederkehren.
Was ist derzeit die größte umweltpolitische Herausforderung der Dominikanischen Republik? Wissenschaftler und Umweltaktivisten beantworten diese Frage aus verschiedenen Perspektiven für den Listín Diario:
Sixto J. Incháustegui, Biologe und Präsident der Umweltorganisation Grupo Jaragua, warnt vor dem Verlust der Biodiversität und den Folgen des Klimawandels auf marine Küsten- und Hochgebirgsökosysteme.
Viele Arten dieser empfindlichen Lebensräume sind bereits vom Aussterben bedroht. Die wichtigsten Krisen seien:
- Massiver Biodiversitätsverlust
- Klimakrise
- Umweltverschmutzung, vor allem durch Plastik
Besonders gefährdet seien die Quellgebiete in den Hochlagen der Gebirge sowie die marinen Küstenökosysteme, die Strände hervorbringen. Effektiver Ökosystemschutz sei laut Incháustegui derzeit die kosteneffizienteste Lösung.
Die Dominikanische Republik hat sich mit ihrer Nationalen Entwicklungsstrategie 2030 (END 2030), den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs), den Biodiversitätszielen von Kunming-Montreal sowie dem Pariser Klimaabkommen zu konkretem Handeln verpflichtet.
Marcos Barinas, Architekt und Stadtplaner, kritisiert ein urbanes Entwicklungsmodell, das den Individualverkehr priorisiert und dabei Lebensqualität, Wasserschutzgebiete, landwirtschaftliche Flächen und geschützte Räume gefährdet.
Die bebaute Fläche der Dominikanischen Republik habe sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht, vor allem in Küstenregionen. Der urbane Bevölkerungsanteil liegt bei 80 % – mit rapide wachsender Tendenz, im Gegensatz zu stabilen oder rückläufigen Trends in Kuba, Jamaika oder Puerto Rico.
Peter Sánchez, Meeresbiologe, hebt die verheerende Wirkung von Plastik hervor:
- Hoher CO₂-Ausstoß bei der Produktion
- Mikroplastik gelangt in menschliche Organe
- Chemikalien wie BPA wirken hormonell störend
- Massive Verschmutzung von Flüssen und Meeren
Er fordert eine drastische Reduzierung des Plastikverbrauchs. Jährlich gelangen weltweit 8 Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane. Über 2.100 Tierarten sind betroffen.
Rosa Margarita Bonetti, Präsidentin der Stiftung Propagás, sieht Bildung als zentralen Hebel für Veränderung:
Eine Umweltbildung müsse lokal angepasst, integrativ und praxisnah sein. Nur wenn Schüler das Gelernte verinnerlichen, kritisch hinterfragen und in Handlungen umsetzen, könne ein tiefgreifender Wandel gelingen.
Schulen sollten nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch als Vorbild für nachhaltiges Handeln dienen. Ohne qualitativ hochwertige Umweltbildung sei keine sinnvolle Umweltpolitik umsetzbar.
Michela Izzo, Direktorin von Guakía Ambiente, betont die Rolle der Gemeinden:
Die Dominikanische Republik ist als kleiner Inselstaat besonders anfällig für Umweltkatastrophen. Lokale Gemeinden, die eng mit ihrem Lebensraum verbunden sind, seien Schlüsselakteure bei der Entwicklung nachhaltiger Lösungen.
Guakía Ambiente hat gezeigt, dass eine effektive lokale Umwelt-Governance, unterstützt durch öffentliche Politik, den Ressourceneinsatz optimiert, die Umweltüberwachung stärkt und widerstandsfähige Netzwerke schafft.
Osiris de León, Geologe und Mitglied der Akademie der Wissenschaften:
Seit 1971 ist die Entnahme von Baumaterialien aus Flussbetten gesetzlich eingeschränkt. Doch bis heute fehlen klare Regelungen und Raumordnungspläne, um der Bauwirtschaft Alternativen zu bieten.
Ein Vorzeigeprojekt wurde kürzlich im Fluss Nizao umgesetzt: Mit alten Lkw-Reifen wurden Hänge stabilisiert, das Gelände eingeebnet und begrünt – daraus entstand ein ökologischer Park.
Aktuell arbeiten die Egehid, das Umweltministerium und Präsident Abinader daran, Sedimente aus den Stauseen Las Barías, Valdesia und Hatillo zu entfernen. Ziel: mehr Wasserspeicherkapazität und Baumaterial ohne Umweltschäden. Dieses Modell soll landesweit ausgeweitet werden.
Wichtige Zahlen:
Klimawandel: Die Nationale Klimaschutzbehörde (CNCC) schätzt, dass die Dominikanische Republik rund 8,7 Milliarden US-Dollar in Klimaanpassung investieren muss (NDC-RD 2020), um ihre Ziele bis 2030 zu erreichen.
Plastikmüll: Jährlich entstehen in der Dominikanischen Republik ca. 88.000 Tonnen Plastikabfälle. Nur etwa 22.000 Tonnen werden korrekt entsorgt (BID, 2021). Die Flüsse Ozama und Isabela gehören laut The Ocean Cleanup (2024) zu den 1.000 am stärksten verschmutzten Flüssen der Welt.
Mülldeponien: Laut dem Nationalen Plan für Endlagerstätten 2023–2033 sind von 243 Deponien nur 83 funktionstüchtig. 95 % der Deponien arbeiten unter freiem Himmel und müssen dringend saniert oder geschlossen werden.
