„Encuentro Verde“ (Teil 1 von 2):

Geografie in der Dominikanischen Republik – eine übersehene Wissenschaft mit dringendem Handlungsbedarf

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„In der Dominikanischen Republik sollte es eine Vielzahl an Geograf:innen geben, die sich mit Küstengeomorphologie, Biogeografie und Klimatologie beschäftigen“, sagt José Ramón Martínez Batlle, promovierter Geograf und Dozent an der Fakultät für Geowissenschaften der Universidad Autónoma de Santo Domingo (UASD) – und macht damit deutlich: Der Geografie wird im Land nicht der Stellenwert beigemessen, den sie für eine nachhaltige und resiliente Entwicklung eigentlich haben sollte.

Ein Land mit geografischem Reichtum – aber ohne Geograf:innen?

Die Geografie ist laut Martínez Batlle nicht nur eine beliebte Schuldisziplin, sondern eine zentrale Wissenschaft, um das Verhältnis des Menschen zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt zu verstehen. Doch trotz ihrer Relevanz sei der Beruf der Geograf:innen in der Dominikanischen Republik wenig bekannt, wenig wertgeschätzt – und vor allem kaum genutzt.

Ein besonders gravierendes Beispiel: die Raumplanung. In vielen Ländern ist sie das zentrale Berufsfeld der Geograf:innen. In der Dominikanischen Republik hingegen werde sie fast ausschließlich von Architekt:innen übernommen. „Und sie machen das nicht schlecht“, sagt Martínez, „aber normalerweise sitzt an der Spitze der Raumplanung ein Geograf – bei uns fehlt er völlig.“

Die Gesetzesgrundlage existiert: Mit dem Gesetz 368-22 über Raumordnung, Bodennutzung und menschliche Siedlungen wurde ein erster Schritt gemacht. Im Mai 2025 folgte der Anwendungsbeschluss (Dekret 396-25). Doch ohne entsprechend ausgebildetes Fachpersonal bleibe das Gesetz ein zahnloses Instrument.

Geotechnologie als Schlüssel – doch es fehlen Fachkräfte

Martínez fordert, moderne geowissenschaftliche Technologien wie Google Earth Engine stärker zu nutzen. Diese Plattform stellt riesige Mengen planetarer Daten zur Verfügung und erlaubt die Analyse von Prozessen wie Erosion, Entwaldung oder Flächennutzung. Werkzeuge wie Statistik, Geo- und Raumdatenanalyse, Modellierung und Satellitenbilder sollten seiner Meinung nach standardmäßig zur Raumplanung herangezogen werden.

„Wir brauchen mehr Menschen im Feld. Entscheidungen können nicht nur auf politischem Willen beruhen – sie brauchen Daten aus erster Hand, und die fehlen uns“, so Martínez.

Er erinnert an den katastrophalen Erdrutsch in Jimaní (2004), der viele Menschenleben kostete. Solche Ereignisse seien nicht vorhersehbar, aber modellierbar – doch dafür brauche es Expertise: „Wo wird der nächste Erdrutsch passieren? Vielleicht in der Hoya de Enriquillo. Aber wenn niemand vor Ort forscht, werden wir es nicht wissen.“

Biogeografie: viel Potenzial, wenig Interesse

Ein weiteres vernachlässigtes Feld ist laut Martínez die Biogeografie – die Wissenschaft von der Verbreitung der Lebewesen. Sie spielt eine zentrale Rolle bei der Restaurierung von Ökosystemen, der Schaffung von Schutzgebieten, der Planung von Korridoren und bei Artenmanagementplänen.

Doch: „Wer möchte sich schon mit den Zahlen und Statistiken zur Verbreitung von Arten beschäftigen?“, fragt Martínez. „Kaum jemand. Dabei brauchen wir genau das – und zwar dringend.“ Diese Arbeit könnten sowohl Geograf:innen als auch Biolog:innen leisten.

In Bezug auf Klimatologie, eine weitere Säule der physischen Geografie, meint er: Auch hier müssten deutlich mehr Fachleute im Land ausgebildet und eingesetzt werden, um langfristige Entwicklungen zu analysieren und Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Ausbildung und Forschung: das strukturelle Defizit

An der UASD werden derzeit drei Geografie-Studiengänge angeboten:

  • Geografie
  • Geografie mit Schwerpunkt auf natürlichen Ressourcen und Ökotourismus
  • Geografie mit Schwerpunkt auf Raumdarstellung

Trotzdem ist die Zahl der Studierenden gering. Ein strukturelles Problem: Viele Lehrende arbeiten nicht hauptberuflich an der Universität. „Professoren, die Forschung betreiben, bringen diese auch in den Unterricht ein. Wer nicht forscht, wiederholt das, was in 30 Jahre alten Lehrbüchern steht“, kritisiert Martínez.

Ein weiteres Hindernis sei, dass sich das Fach stark auf die Lehrer:innenausbildung konzentriert habe. Das sei zwar legitim, verhindere aber die Entwicklung einer eigenständigen geographischen Forschungstradition.

Martínez plädiert deshalb für eine stärkere Gewichtung der Forschung in der universitären Lehre:

„Erst kommt die Forschung, dann die Lehre, dann der Wissenstransfer. Wenn wir das umdrehen, verlieren wir die wissenschaftliche Tiefe.“


Im zweiten Teil von „Encuentro Verde“ wird es um konkrete Handlungsempfehlungen, Kooperationsprojekte und die Einbindung geowissenschaftlicher Expertise in die Politik gehen.