Fall Jet Set entwickelt sich zunehmend zu einem juristischen und moralischen Brennpunkt

Freiheit könnte weniger als 12.000 Pesos pro verlorenes Leben kosten

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Der prominente Strafverteidiger Félix Portes, der mehrere Opfer des Dach-Einsturzes der Diskothek Jet Set vertritt, hat die von Richterin Fátima Veloz verhängte Maßnahme der freilassenden Zwangsauflagen gegen Antonio und Maribel Espaillat scharf kritisiert. Das Unglück vom 8. April forderte 235 Todesopfer und rund 180 Verletzte.

In einem Beitrag auf X (ehemals Twitter) stellte Portes die rhetorische Frage:

„Werden die 50 Millionen Pesos der auferlegten Kaution tatsächlich bezahlt?“
Und seine eigene Antwort lautete: „Nein.“

Kautionssystem: Versicherung statt Einzahlung

Portes erklärte, dass die von der Richterin angeordnete wirtschaftliche Garantie über 50 Millionen Pesos nicht als Bareinlage gezahlt wird. Stattdessen wurde die Kaution über eine Versicherungsgesellschaft gestellt, was bedeutet, dass die Angeklagten lediglich eine nicht rückzahlbare Prämie entrichten müssen – üblicherweise zwischen 4 % und 10 % des Gesamtbetrags.

Demnach würde jeder der beiden Beschuldigten zwischen 2 und 5 Millionen Pesos an Prämie zahlen – also deutlich weniger als die eigentliche Kautionssumme.

„12.000 Pesos pro zerstörtem Leben“

Besonders drastisch war Portes’ Berechnung zur Symbolik der Prämie:
Wenn man 5 Millionen Pesos (eine typische Versicherungsprämie) durch die Zahl der 415 Opfer (235 Tote und 180 Verletzte) teilt, ergibt das nur etwa 12.048 Pesos pro betroffenem Leben.

„Die Freiheit könnte weniger als 12.000 Pesos pro verlorenem oder zerstörtem Leben kosten. So billig kann Straflosigkeit in der Dominikanischen Republik sein“, schrieb Portes.

Er fügte hinzu, dass die gezahlte Prämie nicht zurückerstattet wird, selbst wenn die Angeklagten alle gerichtlichen Auflagen erfüllen – sie ist schlichtweg der Preis für vorläufige Freiheit.

Breite Kritik an der Entscheidung

Die Zwangsmaßnahmen, die um 2 Uhr morgens am Donnerstag verkündet wurden, umfassen:

  • wirtschaftliche Garantie (50 Mio. RD$)
  • regelmäßige Meldepflicht
  • Ausreiseverbot

Die Forderungen des Ministerio Público (MP) – Untersuchungshaft für Antonio Espaillat und Hausarrest für Maribel Espaillat – wurden abgelehnt. Das Verfahren wurde allerdings als „komplex“ eingestuft, was die Verfahrensdauer verlängern könnte.

Der Leiter der Staatsanwaltschaft für Strafverfolgung, Wilson Camacho, kündigte umgehend Berufung an und bezeichnete die Entscheidung als „Verhöhnung der Opfer“.

Auch Rosalba Ramos, Staatsanwältin des Nationaldistrikts, sprach von einem „bitteren Geschmack von Ungerechtigkeit“:

„Diese Entscheidung verletzt nicht nur das Andenken der Verstorbenen, sondern erschüttert auch die Hoffnung von Hunderten Familien, die auf Gerechtigkeit hoffen.“

„Es kann keinen Frieden geben, solange Straflosigkeit schwerer wiegt als kollektiver Schmerz“, schrieb Ramos ebenfalls auf X.

Fazit

Der Fall Jet Set entwickelt sich zunehmend zu einem juristischen und moralischen Brennpunkt in der Dominikanischen Republik. Während sich die Beschuldigten durch außergerichtliche Einigungen und symbolische Kautionen aus der Untersuchungshaft halten, wächst der öffentliche Druck – angeheizt durch Anwälte, Staatsanwälte und die empörte Bevölkerung. Die Berufung des MP steht nun im Zentrum der Hoffnung auf eine angemessene strafrechtliche Aufarbeitung.