Gewalt mit staatlicher Dimension

Polizeieinsätze: Soziologe spricht von 196 Toten seit Jahresbeginn

Bei Polizeieinsätzen in der Dominikanischen Republik sollen seit Jahresbeginn 196 Menschen ums Leben gekommen sein. Das geht aus einer Analyse des Soziologen Cándido Mercedes hervor. Nach seinen Angaben entspricht dies knapp einem Viertel aller 817 Tötungsdelikte, die bis zum 28. September 2026 registriert worden seien.

Mercedes kritisiert insbesondere die häufig als „Schusswechsel“ bezeichneten Einsätze der Polizei. Seiner Darstellung zufolge bilden Todesfälle im Zusammenhang mit staatlichen Sicherheitskräften inzwischen den zweitgrößten Bereich innerhalb der Tötungsdelikte im Land.

Besonders betroffen seien junge Männer. Nach Angaben des Soziologen gehört nahezu die gesamte Gruppe der 196 Getöteten zur jüngeren Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt liege überwiegend bei etwa 23 bis 24 Jahren.

Mercedes übt deutliche Kritik an der bisherigen Praxis und auch an der offiziellen Bezeichnung solcher Fälle. Begriffe wie „außergerichtliche Tötungen“ oder „legale Maßnahmen“ hält er für unzureichend, um die Vorgänge zu beschreiben.

Den größten Anteil an den Tötungsdelikten machen seiner Analyse zufolge allerdings weiterhin Auseinandersetzungen und Streitigkeiten innerhalb der Bevölkerung aus. Rund 60 Prozent der Fälle seien auf soziale Konflikte und gewaltsam eskalierte Auseinandersetzungen zurückzuführen.

Auch die Zahl der getöteten Frauen habe 2026 bereits das Niveau des gesamten Vorjahres überschritten. Mercedes nennt 51 getötete Frauen im bisherigen Jahresverlauf gegenüber 49 Fällen im gesamten Jahr 2025. Der Anteil an allen Tötungsdelikten liege damit bei etwa sechs Prozent.

Kriminalität und organisiertes Verbrechen machen seiner Darstellung zufolge bis zu zehn Prozent der gesamten Tötungsdelikte aus.

Mercedes fordert deshalb, Gewalt und Kriminalität nicht ausschließlich mit verstärkten Polizeieinsätzen zu bekämpfen. Aus seiner Sicht müssten vor allem die gesellschaftlichen Ursachen stärker berücksichtigt werden.

Dazu zählt er fehlende Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie mangelnde Perspektiven für junge Menschen. Besonders problematisch sei die hohe Zahl Jugendlicher, die weder arbeiten noch eine Ausbildung oder Schule besuchen. Prävention, Bildung und Beschäftigung müssten deshalb stärker Teil staatlicher Sicherheits- und Sozialpolitik werden.

Beitragsbild(er):elnacional.com.do